Zügellos

"Auch mit gebissloser Zäumung und Halsring kann ein Pferd korrekt gestellt und gebogen werden."
Sibylle Wiemer, FN-Trainerin A Reiten, Ehrenmitglied der Schule Légèreté, Fachbuchautorin

 

Warum es Sinn macht, gebisslos zu reiten?

Wir haben versucht, die häufigsten Fragen zum Thema „Reiten ohne Gebiss“ etwas näher zu betrachten. Dabei kamen gute Gründe zum Vorschein, die für das gebisslose Reiten sprechen.

 

Anforderungen
Die meisten Aufgaben, denen sich ein Reiter gegenüber sieht, sind ohne Gebiss bei entsprechend feiner und konsequenter Erziehung und Ausbildung von Pferd und Reiter bestens ausführbar. Das Thema „gebisslos“ betrifft ja vor allem die gerittenen Aufgaben: sicheres, korrektes, die Gesundheit des Pferdes schonendes Reiten mit tragfähigem Rücken und ausgeglichenem, zufriedenem und gut gymnastiziertem Pferd ist sowohl auf dem Platz /Halle wie auch im Gelände problemlos möglich. Auch weiterführende Lektionen bis zur Hohen Schule können gebisslos erarbeitet wie auch korrekt ausgeführt werden. Auf vielen Pferdemessen und Shows wird als absolute Krönung dem Pferd Sattel und Zaumzeug abgenommen und Lektionen höchsten Schwierigkeitsgrades in Vollendung gezeigt. Die Anforderungen, hohe Dressurlektionen gut zu reiten, mögen hoch sein. Das sind sie aber unabhängig von der Ausrüstung. Hier zählt vor allem das Können des Reiters. Für alle alltäglichen Anforderungen, die der „Normalreiter“ gut, sicher und korrekt mit seinem Reitpferd erfüllen muss, ist der Einsatz einer gebisslosen Zäumung in allen Bereichen ohne Probleme möglich. Immerhin die Überlegung ist es wert: wenn es mit weniger auch geht, weshalb soll ich dann unbedingt mehr als möglich machen? Wenn es maulschonend ohne Gebiss bestens geht, warum lasse ich die Trense dann nicht einfach weg?

Gebissdruck
Ein weiteres Argument, möglicherweise dem Einsatz von Gebissen kritischer gegenüber zu stehen, sind die immer wieder gemessenen enorm hohen Druckstärken, der über die Zügel-Gebiss-Übersetzung im Pferdemaul ankommen. Besonders die Zunge wird mit enormen Kilozahlen belastet. Hier handelt es sich um Experimente aus ganz unterschiedlichen Lagern. Erstaunlich waren auch massive Auswirkungen bei „ganz leicht einwirkender Zügelhand“. Es ging also doch nicht nur um die feine oder grobe Reiterhand, sondern um die physikalisch nachweisbaren Kräfteübertragungen mittels mechanischer Hilfsmittel.

Wenig Platz
Eine Studie von der Veterinärmedizinischen Hochschule in Hannover hat ergeben, dass im Pferdemaul weit weniger Platz für ein Gebiss ist, als bisher angenommen. Ein im Maul liegendes Gebiss berührt immer Zunge und Gaumen. Der direkte Kontakt zur Mundschleimhaut lässt wenig Spielraum und die Gefahr, dauernd ungewollt „Mini-Traumata“ zu setzen ist sehr gross.

Zahnwechsel
Befindet sich ein Pferd in der Phase des Zahnwechsels (welche oft mit dem Zeitraum des Anreitens von jungen Pferden zusammenfällt!), macht das Entfernen des Mundstücks (zumindest auf Zeit!) offensichtlich Sinn.

Anreiten
Die ursprüngliche Bedeutung von vielen gebisslosen Zäumungen liegt darin, ein junges Pferd als Reitpferd auszubilden. Dadurch das Maul zu schonen und das Pferd erst mit dem Reitergewicht vertraut zu machen und weitgehend über Gewicht- und Schenkelhilfen auszubilden und zu kontrollieren, macht durchaus Sinn. Ist es gefügig und an Reitergewicht und –hilfen gewöhnt, legt man zusätzlich zur gebisslosen Zäumung anfangs eine „blinde“ Trense ins Pferdemaul. Zunehmend gewinnt die Verbindung über das Gebiss nun an Wichtigkeit. Ein junges Pferd muss erst lernen, mit den wachsenden Herausforderungen klarzukommen , z.B. mit dem ungewohnten Reitergewicht. Wirkt gleichzeitig noch ein Reiz über den Fremdkörper im hochsensiblen Maul, kann dies das junge Pferd überfordern.

Maulschonend
Wie bereits besprochen schont die Abwesenheit eines Metallteils das Pferdemaul, die sensibelste Zone des Pferdekörpers. Sogenannt „gebisssaure“ oder „hartmäulige“ Pferde können durch das Zäumen mit einem gebisslosen Kopfteil wieder durchlässig für die Reiterhilfen gemacht werden. Zu beachten ist dabei, dass „gebisssauer“ und „hartmäulig“ leider erworbene Qualitäten sind, die auf die Reiterhand zurückzuführen sind.

Nichts für Anfänger oder Kinder!?
Einen balancierten, zügelunabhängigen Sitz erwirbt man erst durch Übung und Training des Körpergefühls. Er ist die Voraussetzung für die ruhige, gefühlvolle und kontrollierte Zügelhand. In die Hände eines Anfängers gehören aus diesem Grund keine Zügel, die direkt am Gebiss befestigt sind. Auch für Kinder, für die der spielerische Aspekt mit dem Pferd im Vordergrund steht, sind erfahrungsgemäss moderate gebisslose Zäumungen ideal. Gerade der Umkehrschluss ist richtig: besonders für Anfänger sind gut ausgebildete gebisslos gerittene Pferde die optimalen Lernpartner. Ein Gebiss gehört wenn überhaupt in die Hände eines geübten Reiters. Das Anfängertraining ist zusätzlich besonders effizient, wenn mit gebissloser Zäumung und auch Halsring geritten wird: durch das weniger auf die Zügel fokussierte Reiten wird schneller ein unabhängiger Sitz, bessere Balance, ein ausgeprägteres Körpergefühl, ein Gefühl für die Gewichts- und Körperhilfen entwickelt und Sinn und Einsatz von Fokus und Atmung verstanden.

Mental ausgeglichen
Unsere Erfahrung hat uns schon sehr oft gezeigt, dass beim Umstellen auf das Reiten ohne Gebiss, die Pferde vom Verhalten her meist ruhiger, entspannter und ausgeglichener waren als zuvor mit Gebiss. Natürlich spielen auch hier viele Faktoren zusammen: Haltung, Fütterung, Auslauf, frühere Erfahrungen, Art des Umgangs, Form des Trainings etc. Aber deutlich erkennbar sind dennoch die Veränderungen am Pferd, wenn das Gebiss weggelassen wurde. Wir haben leider mit vielen wirklich misshandelten Pferden zu tun, die allen Grund haben, den Menschen zu misstrauen, die sich innerlich verbarrikadiert haben, alle Formen von Widerstand zeigen und sich auch aktiv gegen uns wenden. Ist es nicht erstaunlich, dass gerade solche sogenannten „Problem- oder Korrekturpferde“ mit weniger physischer Kontrolle besser gehandelt werden können als mit? © Andrea und Markus Eschbach-Kindler